Ihre Browserversion ist veraltet. Wir empfehlen, Ihren Browser auf die neueste Version zu aktualisieren.


Je suis Barnim

Schon mal den Namen Marie-Henri Beyle gehört - besser bekannt unter dem Pseudonym Stendhal?

Während der napoleonischen Besatzungszeit bereiste dieser Monsieur Beyle die Provinzen Sachsen und Anhalt. So kam er auch in das Städtchen Stendal. Der Legende nach war er von Bewohnern derart angetan, daß er sich fortan Stendhal nannte, da hier die vernünftigsten Menschen unter der Sonne leben. Ob die Geschichte nun wahr ist oder nur interessant erfunden, spielt keine Rolle. Tatsache war und ist – aus Beyle wurde Stendhal.

 

Leider ist Monsieur Bleyle alias Stendhal nie in den Barnim gekommen. Wer weiß, vielleicht wäre aus ihm ein M. Barnim geworden. Denn der typische Barnimer ist ebenso vernünftig durch und durch: er ist zurückhaltend, aber nicht verschlossen; er ist neugierig, aber nicht indiskret; er ist freundlich, aber nicht aufdringlich, er ist kritisch, aber nicht ablehnend – kurz: wer die Menschen im Barnim für sich gewinnen will, verhält sich genau wie sie.

 

Nun muß man leider einwerfen, daß diese Beobachtungen nur eingeschränkt gelten, und zwar nur für die vorherige Zeit, genaugenommen nur bis zur Erfindung des Automobils.

 

Gestern war es wieder fast soweit. Ich fahre durch das Dorf, so wie man vernünftigerweise durch ein Dorf fährt, nämlich vorsichtig und nicht zu schnell – eben vernünftig -, da sehe ich im Rückspiegel eine ältere Dame in Walter-Röhrl-Haltung im Familien-Opel aufschießen. Ihr Blick gierte an mir vorbei zur nächsten Kurve – und richtig, schon setzte sie zum Überholen an. Tja.. ob es nun an meinem Berliner Kennzeichen liegt oder an  was anderem, sobald der Barnimer sein Auto besteigt, verwandelt er sich in was auch immer.  Hauptsache schnell. Vielleicht hätte sich ein Monsieur Barnim die Sache doch noch mal überlegt, wäre er mit Auto gekommen. Vielleicht hätte er auch nur mit dem Kopf geschüttelt und gesagt – Kinder, seid vernünftig! Je suis Barnim.

 

Frohe Festtage und kommen Sie heil ins Neue Jahr!

Ihr Peter Ortmann

 

 

Just in Time

Mein Vater erzählte davon, wie er als Schuljunge in den 30er Jahren das Schiffshebewerk in Niederfinow besuchte. Ob es die Idee von Lehrer Neumann war oder auf Erlaß von Hermann Göring, das läßt sich heute nicht mehr sagen. Egal, die gesamte Schülerschar war unterwegs und mit ihr mein Vater als Knirps mittenmang

 

Der Eindruck auf die Jungen vom Dorf muß überwältigend gewesen sein. Da stand ein schloßartiges Ungetüm aus Stahl, Wasser und Beton mitten in der Landschaft, höher als ein Kirchturm. Wenn man oben stand, konnte man sehen, wie Schiffe mit dem ganzen Wasser in der Tiefe verschwanden. Im nächsten Zug wurden Schiffe wie von Geisterhand nach oben getragen, als sei es die leichteste Sache der Welt. Wunderwerk der Technik.

 

Auf der Führung wurden die Jungen mit Informationen und Daten überschüttet: Arbeitsstunden, Material, Baukosten, Fertigstellung, undundund, alles nach Plan. Die Jungen taten gut daran aufmerksam zuzuhören, denn Lehrer Neumann war streng. In der nächsten Schulstunde sollte er seine Schüler abfragen.

 

Auch heute noch kommt man aus dem Staunen nicht heraus. Der Betrieb läuft seit mehr als 80 Jahren weitestgehend ohne Störungen. Die Technik würde sicher noch weitere Jahrzehnte halten, wäre da nicht dieses zweite Hebewerk gleich nebenan, welches für einen neuen, größeren Schiffstyp im Bau ist, und welches das alte Hebewerk ersetzen soll. Die Sache ist nur die – das neue Hebewerk wird nicht fertig. Nach Baubeginn in 2009 sollte die Fertigstellung in 2014 folgen. Doch wie beim BER wird der Termin Jahr für Jahr verschoben. Aktuell ist die „letzte Phase“ für 2020 in Aussicht gestellt. Klartext: Schon 6 Jahre über der Zeit. Zur Erinnerung: Das Original von nebenan wurde in nur 6 Jahren errichtet.

 

Bei Licht betrachtet kann es keine Probleme geben, die eine Fertigstellung behindern. Alle Eventualitäten und Wagnisse wurden schon mit dem ersten Bau erschöpfend behandelt. Man hatte sogar ein Modell im verkleinerten Maßstab gebaut, um die kritischen Teilsysteme zu testen. Was also ist so schwer an einem Nachbau, der ergänzt um Länge und Breite nur das liefern soll, was unsere Väter vorgemacht haben?

 

Vielleicht sollte man mal wieder Schulkassen nach Niederfinow einladen. Zwecks Anschauungsunterricht zur Misere im Öffentlichen Bauwesen.

 

November 2019

Ihr Peter Ortmann

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Cookie-Regelung

Diese Website verwendet Cookies, zum Speichern von Informationen auf Ihrem Computer.

Stimmen Sie dem zu?