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 Just in Time

 

Mein Vater erzählte davon, wie er als Schuljunge in den 30er Jahren das Schiffshebewerk in Niederfinow besuchte. Ob es die Idee von Lehrer Neumann war oder auf Erlaß von Hermann Göring, das läßt sich heute nicht mehr sagen. Egal, die gesamte Schülerschar war unterwegs und mit ihr mein Vater als Knirps mittenmang

 

Der Eindruck auf die Jungen vom Dorf muß überwältigend gewesen sein. Da stand ein schloßartiges Ungetüm aus Stahl, Wasser und Beton mitten in der Landschaft, höher als ein Kirchturm. Wenn man oben stand, konnte man sehen, wie Schiffe mit dem ganzen Wasser in der Tiefe verschwanden. Im nächsten Zug wurden Schiffe wie von Geisterhand nach oben getragen, als sei es die leichteste Sache der Welt. Wunderwerk der Technik.

 

Auf der Führung wurden die Jungen mit Informationen und Daten überschüttet: Arbeitsstunden, Material, Baukosten, Fertigstellung, undundund, alles nach Plan. Die Jungen taten gut daran aufmerksam zuzuhören, denn Lehrer Neumann war streng. In der nächsten Schulstunde sollte er seine Schüler abfragen.

 

Auch heute noch kommt man aus dem Staunen nicht heraus. Der Betrieb läuft seit mehr als 80 Jahren weitestgehend ohne Störungen. Die Technik würde sicher noch weitere Jahrzehnte halten, wäre da nicht dieses zweite Hebewerk gleich nebenan, welches für einen neuen, größeren Schiffstyp im Bau ist, und welches das alte Hebewerk ersetzen soll. Die Sache ist nur die – das neue Hebewerk wird nicht fertig. Nach Baubeginn in 2009 sollte die Fertigstellung in 2014 folgen. Doch wie beim BER wird der Termin Jahr für Jahr verschoben. Aktuell ist die „letzte Phase“ für 2020 in Aussicht gestellt. Klartext: Schon 6 Jahre über der Zeit. Zur Erinnerung: Das Original von nebenan wurde in nur 6 Jahren errichtet.

 

Bei Licht betrachtet kann es keine Probleme geben, die eine Fertigstellung behindern. Alle Eventualitäten und Wagnisse wurden schon mit dem ersten Bau erschöpfend behandelt. Man hatte sogar ein Modell im verkleinerten Maßstab gebaut, um die kritischen Teilsysteme zu testen. Was also ist so schwer an einem Nachbau, der ergänzt um Länge und Breite nur das liefern soll, was unsere Väter vorgemacht haben?

 

Vielleicht sollte man mal wieder Schulkassen nach Niederfinow einladen. Zwecks Anschauungsunterricht zur Misere im Öffentlichen Bauwesen.

 

November 2019

Ihr Peter Ortmann

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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